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Août 1914 - Dragons wurtembergeois
Texte en langue allemande


Dragoner-Regiment "König" (2. Württ.) Nr. 26 im Weltkrieg 1914-1918
Generalmajor z. D. Wehl
Ed. Stuttgart 1921

1. Die Lothringer Wochen.

Wenn wir ehemaligen Königsdragoner den Krieg rückschauend betrachten, so stellt sich uns an seinen Beginn gewissermaßen als ergreifenden Auftakt der feierliche Feldgottesdienst, der unsere beschleunigte Mobilmachung im Hofe unserer schönen Kaserne am 3. August nachmittags beschlossen hat. Das Feldregiment zu Pferde: 37 Offiziere, 674 Mann, 754 Pferde (vgl. die Kriegsranglisten in der Anlage) mit sämtlichen Fahrzeugen hatte feldmarschmäßig im offenen Viereck Aufstellung genommen. Sämtliche unmittelbaren Vorgesetzten waren zur Stelle. Der Regimentskommandeur, Oberstleutnant Wehl, hatte unsern in Ehrfurcht geliebten König und Allerhöchsten Regimentschef am Eingang der Kaserne erwartet und in das Regimentsviereck geleitet, wo dann der Feldgottesdienst sofort begann.
Es braucht wohl nicht besonders betont zu werden, mit welcher Andacht dem Ernst der Stunde entsprechend den Worten unserer beiden Garnisongeistlichen gelauscht wurde. - Nachdem der Gottesdienst vorüber, schilderte der Kommandeur, wie unsere Treue und Liebe für König und Vaterland jetzt ihren gemeinschaftlichen Ausdruck in offener Kampfesfreude wider unsere zum Kriege drängenden Feinde gefunden hätten. Und als ein brausendes Hurra auf den Allerhöchsten Regimentschef diesen neuen Schwur „der Treue bis zum Tode", den mancher bald einlösen sollte, bekräftigt hatte, ritt der König tief ergriffen an der Front seines geliebten Regiments entlang, das er, wie ein Vater seine Söhne, mit seinen innigsten Wünschen für das Wohlergehen jedes einzelnen entließ.
Darauf ging es noch für wenige Stunden in die Kaserne und dann eskadronsweise auf die Verladebahnhöfe Nordbahnhof und Güterbahnhof Untertürkheim.
Wißt ihr noch, Kameraden, wie wir da auszogen am Abend des 3. August 1914? Wie rechts und links die Menge stand und uns zujubelte, wie wir immer und immer wieder die Zügel fallen lassen mußten, um alle die Hände zu schütteln, die sich uns entgegenstreckten? Wie waren wir stolz, die Ersten zu sein, die hinausdurften, das liebe, gefährdete Vaterland zu schützen, denn lange, mein Gott, wie lange, ganze fünf Tage nach uns würde ja erst die Infanterie ausrücken! Wie fühlten wir uns gehoben von dem Bewußtsein, diejenigen zu sein, auf die es jetzt vor allen ankam. Und insbesondere die Jungen, die noch kaum etwas gegolten hatten im Rate der Männer, die waren jetzt die Auserwählten, die Schützer all dieser Kinder und Frauen, die ihr festes Vertrauen durch ihren hellen Jubel bekundeten.
Dann ging's über den Rhein, durch die Vogesen, und in den schmutzigen und doch malerischen lothringischen Nestern Lirheim, Altlirheim, Braunweiler bei Saarburg am 4. August abends in die ersten Kriegsquartiere. Dort trat die 7. Kav.-Division zusammen, unsere 7. K.-D,. der wir den ganzen Krieg über angehören sollten.
Ihr Führer war Generalleutnant v. Heydebreck, unser bisheriger Kavallerieinspekteur, der uns erst vor kurzem noch in Münsingen besichtigt hatte.
Zur Division gehörten außer unserer 26. (1. K. W.) die preußische 30. und 42. Kav.-Brigade, die aus Drag.-Reg. 15 und Hus.-Reg. 9, sowie aus den beiden gelben Ul.-Reg. 11 und 15 bestanden.
Ferner die Reitende-Abteilung Feldart.-Reg. 15 mit leichter Munitionskolonne, Maschinengewehr-Abteilung 3, Pionier-Abteilung, Nachrichten-Abteilung, eine bayr.
Radfahrer-Kompagnie und das bayr. Iäger-Batl. 1.
Die 7. Kav.-Division selbst gehörte mit der bayr. Kav.-Division zur 6. Armee Kronprinz Rupprecht.
Während unsere Ulanen-Brigade mit wenigen Bataillonen westlich Saarburg - ihrer Friedensgarnison - den Grenzschutz ausübte, vergingen unsere ersten Tage mit kleinen Übungen zu Pferde und zu Fuß. Die Kriegserklärung Englands und die uns schwer enttäuschende Neutralitätserklärung unseres langjährigen Friedens „Waffenbruders" Italien wurden am 5. August abends bekannt und beleuchteten grell die Schwierigkeit unserer Lage: die drei größten Großmächte Europas gegen uns und Osterreich, dem unser Kaiser die Nibelungentreue „trotz allem" halten zu wollen, sich verpflichtet hatte. Unsere Stimmung blieb dennoch gut. Mochte kommen, was wollte, das gute Recht war auf unserer Seite!
Am 8. August mittags wurde es endlich Ernst! Der erste richtige stille Alarm hatte die Division schnell vereinigt und in flottem Tempo ging es über St. Georg auf schöner, gerader, mit Pappeln eingesäumter Staatsstraße bis zur Grenze und mit lautem Hurra an den Grenzpfählen bei Foulcrey vorbei in Feindesland hinein! Weit voraus die Patrouillen am Feind und auf der Suche nach ihm, sie meldeten starke feindliche Kavallerie (2 Kav.-Divisionen) dicht westlich Linie Igney-Blamont. Die Division selbst blieb auf den Höhen bei Repaix und sicherte so unmittelbar unsere vordersten Infanterielinien, die zum XXI. und I. bayr. Armeekorps gehörten.
Hier sahen wir auch gleich den ersten Fliegerbeschuß. Unsere „Reitende" schoß plötzlich eine Lage nach der andern, doch umsonst suchten wir feindwärts die Einschläge, bis wir endlich die Sprengpunkte mit ihren luftigen Rauchwolkchen hoch über uns an den blauen Himmel hingekleckst fanden und weit davon entfernt einen blauweißroten Flieger, den wir noch gar nicht bemerkt hatten. Wie dann später so oft, machte sich dieser unverletzt in stolzer Fahrt davon. Spät abends ging es zu kurzer Rast nach St. Georg ins Ortsbiwak zurück.
Schon am nächsten Tage, dem ersten Kriegssonntag, erhielten wir unsere Feuertaufe. Mit der aufgehenden Sonne waren wir schon wieder bei Repaxr. Bald wurde auf große Entfernung starke feindliche Kavallerie gesichtet und eine emsige Nahaufklärung begann. Chazelles wird von feindlichen Radfahrern besetzt gemeldet. Die 26. Brigade soll Chazelles nehmen, während die Division selbst im Verein mit der bayrischen Kav.-Division mit der feindlichen Kavallerie „abrechnen" will. Da es aber inzwischen schon Mittag geworden ist, wird erst noch getränkt und gefüttert; dann geht es 2 Uhr nachmittags auf getrennten Wegen unter Ausnützung des wald- und muldenreichen Geländes auf Chazelles, das aber bald vom Feinde frei gemeldet wird. Dagegen sollten aus dem Schlosse Grand-Seille, kurz vor Chazelles, Schüsse gefallen sein, und so erhielt das Regiment Befehl, genanntes Schloß von den dort vermuteten feindlichen Patrouillen oder Franktireurs, mit denen man auch schon rechnen mußte, zu säubern. Nachdem sich auch das als leeres Gerücht entpuppt hatte, trat das Regiment jenseits Chazelles wieder zur Division, deren reitende Abteilung gerade ihr erstes Duell mit der feindlichen Artillerie begonnen hatte.
Bei der Entfaltung aus den Waldstücken südlich des Orts wurden wir lebhaft von Schrapnells beschossen, denen sich nach kurzer Zeit schwere Granaten aus Manonviller anschlössen. Zum erstenmal« hörten wir das zischende Brausen und Summen über uns und das Krachen der Einschläge vor und hinter uns, das allgemeines reflektorisches Köpfeducken auslöste. Aber die Waldstücke boten uns gute Deckung und wenn auch aus unserer „Abrechnung" nichts geworden ist, so ist andererseits die vermutliche feindliche Absicht, uns in das Feuer von Manonviller hineinzulocken, dessen Kanonen um viele Kilometer weiter schossen, als bei uns bekannt war, ebenfalls mißglückt. Abends wurden wir nach Blämont ins Quartier geschickt. Da dieses Städtchen aber zum Merlaufen voll von bayrischer Infanterie war, so biwakierte das Regiment in einem Schloßpark dicht dabei.



Nun begannen in den nächsten Tagen dauernd Hin- und Hermärsche, die trotz ihrer häufigen Geringfügigkeit bei der fast unerträglichen Hitze große Anstrengungen bedeuteten. In der Hauptsache aber handelte es sich um Patrouillentätigkeit. Sie brachte auch die ersten Verluste. Die Patrouille des Leutnants Freiherr v. Podewils, die die fast unbegreiflicherweise verloren gegangene Fühlung zwischen dem I. bayrischen und XXI. Armeekorps wiederherstellen sollte, wurde auf schneidigem Erkundungs vorstoß bei Embermenil abgeschossen. Der Führer geriet verwundet unter seinem erschossenen Pferde in Gefangenschaft, seine Meldereiter kamen einzeln, zum Teil erst nach acht Tagen, zu Fuß zum Regiment zurück. Auch Leutnant d. R. Mayer war auf Patrouille durch Handschuß verwundet worden.
Am 13. August erhielt die 5. Eskadron einen äußerst wichtigen und schwierigen Aufklärungsauftrag, der sie über die Meurthe bis an die Mosel (Gegend Epinal) führen sollte. Aber schon bei Badonviller stieß sie auf Bayern, die diesen Ort vor starker Überlegenheit räumen mußten, und es konnte nur ein dortiger starker Vormarsch der Franzosen gemeldet werden, die damals die Versammlung ihrer Ostarmee beendet hatten und nun den Einbruch in Lothringen zwischen Vogesen und dem Bannkreis von Metz wagen wollten, der ihnen dann bald darauf in der Schlacht bei Saarburg so übel bekommen ist.
Um das Hin und Her dieser ganzen ersten Tage zum besseren Verständnis zu bringen, sollen die großen Verhältnisse der damaligen Zeit kurz und übersichtlich zusammengefaßt werden, wobei dann freilich noch einmal betont werden muß, daß sie uns allen damals wesentlich weniger klar vor Augen lagen.
Die in Linie Mörchingen-Saarburg-Lützelhausen i. Breuschtal aufmarschierten Armeen 6 und 7 bildeten auf der Westfront die linke Flügelgruppe, die im Gegensatz zu den übrigen in Ausführung einer ungeheuren Linksschwenkung durch Belgien begriffenen Armeen 1-5, vorläufig versagt werden sollte. Während bei der 7. Armee der Charakter des Gebirgskrieges in den Vogesen eine Reihe von schweren Einzelkämpfen unvermeidlich machte, bereiteten die Hauptkräfte der 6. Armee nördlich von Mörchingen bis einschließlich Saarburg eine einheitliche große Schlachtfront vor, auf die der Feind unvorbereitet in tiefen Marschkolonnen stoßen sollte, während unsere Armee aus ihr heraus völlig schlachtbereit zum überraschenden Angriff vorbrechen konnte.
Der Einblick in diese Vorbereitungen mußte unter allen Umständen dem Feinde verwehrt bleiben. Zu diesem Zweck waren von unserer Stab 26. K.-B. beim Picknick. Armee die beiden Kavallerie-Divisionen und starke Vortruppen mit Artillerie über die Grenze vorgeschoben worden mit dem allgemeinen Auftrage, feindliche Aufklärung nach Kräften zu erschweren und nur langsam, d. h. nur vor ausgesprochener Überlegenheit zurückzuweichen. So sollte der Feind die jedesmalige Preisgabe einer verstärkten Stellung als einen richtigen Teilsieg buchen und schließlich zu der trügerischen Annahme veranlaßt werden, die Linie Metz-Straßburg, die mit Recht als fortifikatorisch vernachlässigt galt, in kühnem Anlauf durchstoßen zu haben. Nur wenn die Verschleierung gelang, konnte die Überraschung einsetzen.

So wurde uns also, den beiden Kavallerie-Divisionen und den Vortruppen, durch Befehl ein dauerndes „Zurück" aufgezwungen, dessen strategischen Zweck wir zuerst nur höchst ungern einsehen wollten, um so mehr als wir auf unsere bisherigen kleinen taktischen Erfolge schon glaubten stolz sein zu dürfen. Die 7. Kav.-Division befand sich auf dem linken Flügel und neben uns fochten Teile des I. bayr. Armeekorps. Wir hatten in der Hauptsache die Ausgänge aus dem Gebirge zu sichern. Teilweise traten die Brigaden oder die Regimenter geschlossen auf, meist wurden einzelne Schwadronen zur Sperrung wichtiger Talstraßen weit ins Gebirge hineingesandt. Stets standen in breiter Front Postenketten, die vor feindlichem Feuer nur langsam und fechtend zurückwichen, namentlich aber im Sinne oben erwähnter Verschleierung keiner feindlichen Patrouille irgend Einblick gewährten.

So ging es für uns langsam und zäh von Repaix, das der Feind kurz nach unserer Räumung in Brand schoß, am Nordwesthang der Vogesen über Saarburg bis Arzweiler in östlicher Richtung zurück, wobei wir manchesmal nur durch Nachtmarsch dem immer näherrückenden Feind uns zu entziehen vermochten. Als wir dort den linken Flügel der Hauptarmeefront erreicht hatten, ging es am 18. August in stattlichem Bogen an Saarunion vorbei, hinter die Mitte der Armee als Armee-Reserve nach Insweiler, von wo unsere Brigade zur Ausfüllung einer Lücke wieder zwischen dem XXI. und I. bayr. Res.-Armeekorps in die Gegend von Lauterfingen vorgeschickt wurde. Auf dem Wege dorthin wurde festgestellt, daß der Feind Lauterfingen besetzt habe, vor dem schwache deutsche Vortruppen den nördlich gelegenen Bahnhof hätten räumen müssen.
Darauf erhielten um die Mittagszeit unsere Radfahrer-Kompagnie und die Schützen einer Schwadron von den Olgadragonern Befehl, den Schutz für unsere auf die Höhe zwischen Insmingen und Lauterfingen vorgezogene Reitende-Abteilung zu übernehmen, während der Rest der Brigade am Waldrand hinter den Batterien in Deckung ging.
Von unserer Stellung aus konnten wir ein breites, welliges Tal, mit zahlreichen Baumgruppen, auf beiden Seiten von Wäldern eingesäumt, und im Süden den Bahnhof Lauterfingen, dahinter den Kirchturm des Orts, erkennen. Eine lange Zeit hörten wir auf verhältnismäßig breiter Front nur Einzelgewehrfeuer, was freilich deutlich die gegenseitige Fühlungnahme erkennen ließ. Plötzlich, kurz nach 3 Uhr, ertönte ein lebhafter, gut genährter Feuerüberfall unserer Reitenden in Richtung Lauterfingen. Da schlug uns allen freudig das Herz, denn nun war es klar, daß es endlich zu einem wirklichen Gefecht gekommen war, bei dem wir uns als erste Reserve bereitgestellt wußten. Wir erfuhren, daß starke feindliche Infanterieunterstützungen im Marsch auf Lauterfingen von unserer Artillerie wirksamst gefaßt und nun innerhalb des Dorfes weiter beschossen wurden, und daß rechts vorwärts die 97er und die bayr. 17er, zum umfassenden Angriff gegen das Dorf angesetzt seien, den wir in seiner geradezu parademäßigen Form zum Teil deutlich beobachten konnten.
Mittlerweile war von der Artillerie des XXI. Korps das Feuer unserer Abteilung mit zahlreichen Batterien aufgenommen worden und bald stand das ganze Dorf in Flammen.
Als der Abend sank, wurde es mit klingendem Spiele genommen; wir brannten auf den Befehl zur Verfolgung. Und richtig, da kam auch schon der Ordonnanzoffizier von der Division; zahlreiche Offiziere eilen ihm entgegen, aber sein Befehl lautet - Einrücken, denn inzwischen war festgestellt, daß der Feind, nur kurz vom Dorf entfernt, schon wieder von starken Kräften aufgenommen worden sei.
So verließen wir um 8 Uhr abends das verstummte Gefechtsfeld, das weithin fast taghell von der Lohe der Dachfirste beleuchtet war, um wieder zu unserer Division zurückzukehren. Die großen eigenen Truppenmengen, die Aufräumungs- und Verstärkungsarbeiten, auf die wir überall auf unserem 40 Kilometer langen Marsche nach Insweiler gestoßen waren, und jetzt die enge Berührung mit starkem Feind bei Lauterfingen ließen eine große Schlacht als unmittelbar bevorstehend erscheinen.
Bei völliger Nacht rückte das Regiment in Münster ein, wo wir am nächsten Tage alarmbereit blieben. Abends traf ein großer Angriffsbefehl des Kronprinzen Rupprecht für den 20. August ein, der uns allen wie eine Erlösung kam. Endlich sollte es wieder vorwärts gehen!
5 Uhr morgens war die Division als Armee-Reserve nach Insmingen bestellt. Um dieselbe Zeit begann der deutsche Artilleriekampf, aus dem der Feind an allen Teilen seiner über 80 Kilometer breiten Front bald mit Schrecken erkannte, statt der mutmaßlichen Fortsetzung seiner Verfolgung auf eine zum Angriff entwickelte starke Schlachtfront gestoßen zu sein, aus deren Armen allein ein allgemeiner Rückzug retten konnte.
Um die Mittagszeit war der Feind überall im Weichen, nur bei Saarburg stand er noch. Wir warteten von Stunde zu Stunde auf den Verfolgungsbefehl. Statt dessen hieß es abends „in die alten Quartiere!" Erst am nächsten frühen Morgen brach die 7. Kav.-Division und zwar leider von weit hinter der Mitte der Armeefront, die ihrerseits bis tief in die Nacht nachgedrängt war, zur Verfolgung auf*

In schlankem Trabe ging es in mehreren Kolonnen über das große Schlachtfeld. Dicht lagen die Toten und auch zahlreiche Verwundete, Deutsche und Franzosen, oft in ganzen Reihen. Zum ersten Male sahen wir ein wirkliches Schlachtfeld. Wißt ihr noch den Wald von Lauterfingen, in der die Hunderte deutscher Iäger lagen, wißt ihr noch den Wagen vor dem Ort, der an den Stechpuppenwagen vom Ererzierplatz erinnerte, aber voll von Leichen war? Wißt ihr noch den französischen Artilleriegeneral, der, noch im Sattel sitzend, mit dem Oberkörper auf seinem toten Pferde lag? Wißt ihr noch den kleinen Trommlerjungen, der neben der Chaussee lag mit der schrecklichen Wunde, die die ganze Brust über seinem weißen Schurz aufgerissen hatte und der doch noch lebte? Ist einer unter uns, der das gesehen und es je wird vergessen können?

Allmählich machte sich die Wirkung des Sieges vom Tage vorher immer deutlicher bemerkbar. Züge von Hunderten, auch von Tausenden von Gefangenen wurden auf den verschiedensten Straßen eingebracht, Waffen, Geschütze, Fahrzeuge aller Art und massenhaft Tornister lagen überall an den Straßen.
Wir aber ritten weiter, in immer gleichem schnellem Tempo bis zum Walde von Moussey, wo plötzlich ein Halt zwischen diesem Walde und dem Rhein-Marne-Kanal befohlen wurde, um unsere schweißtriefenden müden Pferde vom Kanal aus zu tränken. Daß der Platz dazu bei seiner geringen Tiefe auch noch seitlich durch Draht und sumpfige Gräben begrenzt war, wurde auf die leichte Schulter genommen; es galt ja lediglich, schnell die Pferdekräfte zu heben, um desto sicherer die ganz nahe winkenden Erfolge unseres anstrengenden Rittes einzuheimsen. Kurz vor der Rast waren feindliche Batterien jenseits des Kanals gemeldet worden, aber da es gleichzeitig hieß, sie seien von der Bedienung verlassen - für uns war der Feind in haltloser Flucht -, so sollten die Geschütze erst nach dem Tränken als sichere Beute weggeführt werden. Es wurde daher-um den schmalen Raum möglichst auszunützen-wie sonst wohl bei großen Paraden, in abgeschwenkter Regiments-Kolonne ohne Abstände aufgerückt, abgesessen und die ungeraden Nummern mit den Tränkeimern an den Kanal geschickt. Größte Eile wurde von allen Seiten eingeschärft.
Über dieser fast unbeweglichen Masse krepierten plötzlich mit scharfem peitschenartigen Knall feindliche Schrapnelle, Lage um Lage, glücklicherweise um rund 100 Meter zu weit. Aber es war auch so noch eine heillose Überraschung. Trotzdem lief die Maschine automatisch weiter, ungeachtet des übergroßen Druckes, unter dem sie so plötzlich stand. Die Wasserholer kamen wie im Fluge heran, während die Pferdehalter wieder aufkandarten und nach wenigen Sekunden saß das Regiment im Sattel. Um den toten Winkel auszunützen, in dem sich der größte Teil der Division befand, ließ der Kommandeur mit Zügen rechtsschwenken und den Sumpfgraben - nun also in Regiments-Kolonne nach der Front-überwinden. Es gelang, obwohl Teile der UlanenBrigade vor uns nach dem Walde zu kehrtgeschwenkt hatten. Sie glitten wenig geordnet an uns ab. Auch der ohne Befehl gleich nach dem Graben angeschlagene Galopp wurde durch Signal und durch persönliches Eingreifen der Eskadrons- und Zugführer bald in ruhigen Trab gemäßigt.

Nach kurzer Zeit waren wir im Schutze des Waldes. Verlust: 1 Mann verwundet, alles zur Stelle, kaum 1 Lanze verloren! Es klang geradezu märchenhaft, vollends wenn man sich nachträglich überlegte, wie die Sache hätte auslaufen können!

Die Division sammelte sich ziemlich kleinlaut dicht bei Maiziöres, wo sie kaum zwei Stunden vorher in der stolzen Erwartung durchgeritten war, den gestrigen großen Armeesieg bis zur Vernichtung zu vervollständigen. Im Gegensatz hiezu war nun das Eine völlig klar: Unsere kavalleristische Verfolgung war endgültig gescheitert, nicht an einem unglücklichen Zufall oder unserem sträflichen Leichtsinn, sondern an einem noch widerstandsfähigen Feinde, der seinen moralischen Halt wahrscheinlich überhaupt nur in unserer vorgefaßten Meinung verloren gehabt hatte, denn auf allen wichtigen Straßenzügen wurden jetzt kampfkräftige Nachhuten festgestellt.
So hieß es sich bescheiden! Wir wurden am nächsten Tag in den allgemeinen Vormarsch der Armee eingegliedert, die nur in breiter Front nachstoßen konnte, um den Erfolg des Sieges wenigstens noch moralisch möglichst zu erhöhen.
Dauernd waren unsere Patrouillen am Feind. Die Kriegstagebücher von zwei Eskadronen bringen genau die Namen der Führer und Meldereiter der wichtigen Tagespatrouillen, während die beiden anderen nur die Züge nennen, von denen sie gestellt wurden. Es wäre also ungerecht, einzelne namentlich anzuführen, während die Mehrzahl ungenannt bleiben müßte, die doch ebensogut ihr Bestes und Äußerstes als Selbstverständlichkeit getan haben, wie es deutsche und besonders wie es schwäbische Art ist: ohne viel Worte. Wie durch ein Wunder kamen viele nach tausend Fährlichkeiten zurück, aber auch den Verlust der ersten Toten hatte das Regiment zu beklagen: Die Patrouille des Leutnts. d. R. Albrecht und Sergeant Wolsdorf (5. Esk.) sah sich am 21. auf der Verfolgung einer feindlichen Patrouille plötzlich von feindlichen Kürassieren umstellt. Trotzdem sie nahezu eine volle feindliche Eskadron vor sich hatten, versuchten sie kurz entschlossen, sich durch eine Attacke Luft zu machen, wobei beide Führer und Dragoner Schenk schwer verwundet wurden, während es der übrigen Mannschaft gelang, in heftiger Gegenwehr sich einzeln durchzuschlagen und das Regiment wieder zu erreichen. Noch am selben Abend wurden die Vermißten mit zahlreichen Wunden, namentlich am Kopf, aufgefunden, Dragoner Schenk schon tot, Leutnant Albrecht ohne Bewußtsein, das er auch im Feldlazarett St. Iohann von Basel trotz bester Pflege nicht wieder erlangt hat, während Sergeant Wolsdorf bald wieder auf dem Wege der Besserung war. [...]
 

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